Hiermit möchte ich euch einen Auszug aus einem Interview in der Frankfurter Rundschau vom 08. Januar 2019 von Katja Thorwarth mit Niklas Frank mit auf den Weg geben.
Mit der roten Linie meinen Sie das fehlende Rechtsbewusstsein?
Ja. Von Seiten der AfD hieß es kürzlich: „Wir räumen auf, wenn wir an der Macht sind.“ Und Aufräumen heißt zunächst das Abschaffen einer unabhängigen Presse. Das ist für mich dieselbe Linie, wie das „Aufräumen“ mit den Juden. Das hat einfach niemanden gekümmert. Die hatten zwar alle ein schlechtes Gewissen, doch über die Abtransporte wurde hinweg gesehen – lieber hat man sich aus der verlassenen jüdischen Wohnung die Kommode geholt. Ich bin mir sicher, dass selbst der glühendste Nazi wusste: Das ist nicht recht.Woher kommt diese kollektive Gewissenslosigkeit?
Das ist die dunkle Seele … Nein, ich habe auch keine Erklärung dafür, warum das immer so weitergeht. Was ich mit dem Buch erreichen will, daher habe ich auch meine Mutter mit hineingenommen, ist, dass die Leute endlich einmal in die Archive gehen. Da liegen 3,6 Millionen Akten herum, so viele Menschen könnten sich orientieren. Aber die Leute drücken alles weg, und sobald mal jemand daran rührt, gibt es Ärger. Niemand will sich persönlich auch nur in die Nähe des Dritten Reiches begeben.Sie sagen, Feigheit sei deutsch. Weshalb?
Churchill hat einmal gesagt: „Du hast die Deutschen entweder an deiner Kehle oder zu deinen Füßen.“ Das hat sehr viel mit Feigheit zu tun. Wenn sie in der Siegerposition und viele sind, sind sie mutig. Sobald sie haftbar gemacht werden sollen oder zu sich selbst stehen, ist die Feigheit sehr groß. Das ist für mich ein Wegdrücken.Was hat das Aufkommen der Rechten mit der erfolglosen Entnazifizierung zu tun?
Es ist dieselbe Feigheit, die unterwegs ist. Ich meine Pegida, AfD, CSU, ich meine auch einige in der SPD und CDU. Das sind für mich teilweise Leute, die dringend ein Entnazifizierungsverfahren bräuchten. Diese Aushöhlung der Demokratie durch die Politiker in allen Reihen finde ich sehr bedenklich. Und die kommt daher, dass man die Verbrechen der Deutschen nicht wirklich anerkennt, stattdessen aber mit hohlen Phrasen um sich wirft – „Wir müssen die Verantwortung tragen“. Kein Mensch geht nach Hause und sagt etwas in dieser Art zu seiner Frau, das ist eine Null-Formel. Wir sind durch unsere Verbrechen ein auserwähltes Volk, denn wir wissen, dass es vom Kleinsten bis in die Gasöfen führen kann. Trotzdem sind wir immer noch bereit, unseren Verstand abzugeben. Wenn ich höre, wie Gauland den Höcke verteidigt, dann ist das das Abgeben des Verstandes zugunsten einer rechtsextremen Ideologie. Die Feigheit ist in der schweigenden Mehrheit verankert und damit auch das Abgeben der demokratischen Werte bis hin zu einem starken Führer. Wenn die deutschen Rechten so einen Typen hätten wie den Österreicher Haider: braungebrannt, gutaussehend, rhetorisch sehr gut, hätten die bei den Wahlen ganz andere Werte.Wo sehen Sie den Unterschied der anderen europäischen Länder zu Deutschland?
Die haben alle nicht solche Verbrechen begangen wie wir. Es gibt keinen Schüler in diesem Land, auch nicht den rechtsradikalsten, der nichts von diesen Verbrechen weiß. Doch wie es ist, sehen wir an Höcke: Denkmal der Schande, weg damit, die ganzen zwölf Jahre, nur weg.Aber das Denkmal ist da …
Das Denkmal kommt nicht aus der Seele des Volkes, es ist vielmehr die Political Correctness unserer Denkmalbauer. Ich bin da sehr gerne und betroffen durchgegangen, vor allem auch durch das Dokumentationszentrum. Wer da nicht rausgeht und sagt „scheiße, was haben die Deutschen nur in den zwölf Jahren alles angerichtet?“, der will nicht hinschauen. Und so ist es ja auch. Sie gehen raus und wollen Deutschland wieder groß sehen.
Das gesamte Interview findet ihr hier: https://www.fr.de/kultur/man-haette-nazis-dazu-bringen-muessen-ueber-ihre-feigheit-sprechen-11059725.html